Der schwedische Soziologe Ronald Paulsen erforscht das Phänomen der „empty labor”, also der Zeit am Arbeitsplatz, in der Arbeitnehmer Leerlauf haben oder nicht berufsrelevante Dinge tun. Im gleichnamigen Buch stellt er seine Ergebnisse dar und stellt den Arbeitnehmer vor eine essentielle Entscheidung.

Bis zu drei Stunden pro Arbeitstag verbringt ein Arbeitnehmer mit Tätigkeiten, die nichts mit seinem Job zu tun haben. Der schwedische Soziologe Ronald Paulsen nennt das „empty labor“ (wörtlich übersetzt: leere Arbeit). Das sind Phasen während der Arbeitszeit, in der der Arbeitnehmer ein Nickerchen hält, im Internet surft oder sich mit Kollegen oder Freunden unterhält. Sie entstehen, weil er eine Pause braucht, oder aber wirklich nichts zu tun hat. Es ist ein Phänomen, dass allen, die nicht gerade handwerkliche oder Fließbandtätigkeiten verrichten, bekannt sein dürfte. Paulsen geht es nicht darum, dass die Ablenkung bis zu einem gewissen Grad normal ist, oder Pausen sogar die Produktivität steigern können. Er will viel mehr die Ursachen, die außerhalb von Ablenkung liegen, ergründen.

Boreout / Langeweile

Die Ursache von „empty labor“ kann laut Ronald Paulsen bereits an der Berechnung der Arbeitszeit bei der Stellenausschreibung auf Arbeitgeberseite liegen. Gleichzeitig stellt sich Paulsen folgende Fragen: Wie ist es möglich, am Arbeitsplatz nicht zu arbeiten, ohne dass es jemand bemerkt? Und: Warum machen Arbeitnehmer das? Ist es Faulheit oder liegt es daran, dass wirklich wenig zu tun ist? Und wie offen gehen die Personen mit der Sache um? Meistens trauen sich die Arbeitnehmer nicht, den Leerlauf beim Chef anzusprechen, denn dass würde eventuell eine Halbierung der Stelle bedeuten.

Paulsen war selbst lange Zeit der Meinung, dass es genügend Arbeit gäbe, wann man nur wolle. Für sein Buch führte er drei Jahre lang Interviews mit über 20 Teilnehmern. Er wollte mit seiner Arbeit herausfinden, warum wir uns – so scheint es – gegen die Arbeit wehren. Und warum der Arbeitnehmer die Problematik nicht anspricht.

Studien belegen, dass nur 13 Prozent der Menschen weltweit es mögen, zur Arbeit zu gehen. 24 Prozent seien so unglücklich an ihrem Arbeitsplatz, dass sie der Arbeitsstelle sogar eher schaden als nützen würden. Paulsen war selbst lange Zeit der Meinung, dass es genügend Arbeit gäbe, wann man nur wolle. Er befragte Menschen mit Berufen aus den Bereichen Pharmazie, soziale Arbeit, Logistik und Vertrieb.

Ist der Job der richtige?

Nach seinen Untersuchungen appelliert Paulsen an den Arbeitnehmer. Er solle den richtigen Beruf wählen, damit könne man die Wahrscheinlichkeit der „empty labor“ reduzieren.

Zu „empty labor“ gehöre auch, dass die Arbeit, die jemand verrichtet, wenig bis keine Bedeutung hat und sie deshalb weder vom Arbeitnehmer noch von der Gesellschaft wertgeschätzt wird. Wenn jedem die Bedeutung der Arbeit wirklich bewusst wäre, dann würde man eher wagen, eine bedeutungslose Arbeit abzulehnen und somit auch nicht in die Misere der „empty labor“ verfallen.

Paulsen rät dazu, sich ganz konkret Gedanken darüber zu machen, welche Aufgaben sich hinter einem Jobangebot verbergen und ob man diese tatsächlich ausüben möchte. Gleichzeitig richtet er sich an die Arbeitgeber und fragt: Ist die zu besetzende Stelle mit sinnvoller Arbeit und mit der entsprechenden Zeit kalkuliert?

Praxisbeispiel: Agentur „quäntchen + glück“

Philipp Hormel (30), arbeitet bei der Darmstädter Kommunikationsagentur „quäntchen + glück“. Das besondere an diesem Arbeitgeber mit einem Team bestehend aus einem Dutzend Mitarbeitern? Es gibt eine Urlaubsflatrate. Der Name ist Programm: Jeder darf so viel Urlaub nehmen, wie er braucht und möchte, die Urlaubstage werden nirgendwo erfasst. Natürlich sollte man die Urlaubstage vorher mit den Kollegen absprechen. Das Gehalt wird selbstverständlich weiterhin ausgezahlt. Auch ist Homeoffice erlaubt. Allerdings sagt Philipp, dass das Arbeiten von zu Hause auf Dauer nicht sinnvoll sei, „da der Kontakt zum Team verloren gehen kann und die Kommunikationswege länger werden.“

Die Agentur wird auf die Besonderheit der Urlaubsflatrate häufig angesprochen. Für Philipp selbst war sie ein Grund sich für „quäntchen + glück“ zu entscheiden: „Das Wichtigste ist dabei das Vertrauen“, sagt er. Das System könne nur funktionieren, wenn man dabei ehrlich bleibe und es nicht missbrauche.

Zu Paulsen Thesen sagt er einerseits: „Wenn die Aufgabe für den Arbeitnehmer zu langweilig ist, dann dauert es auch länger, sie zu erfüllen, weil man sich öfter ablenken möchte. Oder andersherum gesagt: Wenn man den halben Tag bei Facebook privat surft, dann scheint die Aufgabe blöd zu sein.“ Außerdem sei er der Meinung, dass man das fertige Produkt, das man dem Kunden vorlegt, nicht nach der Arbeitszeit berechnen sollte, sondern nach der Qualität des Ergebnisses.

Aufruf zum zivilen Ungehorsam

Solange die „empty labor“ nicht Überhand nimmt, auffällt oder sich jemand beschwert, ist alles in Ordnung, sagt Paulsen. Ein wichtiger Faktor ist die eigene Motivation des Mitarbeiters, aber auch die, die von den äußerlichen Strukturen geschaffen ist. Gibt es genügend zu tun? Gibt es einen Kunden, der die Arbeit abnehmen muss und somit eine Kontrollinstanz ist?

Für Paulsen spricht nichts dagegen, wenn ein Archivar, der dies nebenberuflich tut, seine Arbeit verrichtet und trotzdem nebenbei auch Quellen für seine Masterarbeit in dem Archiv sucht. Es geht ihm immer um die Verhältnismäßigkeit von der vorgegebenen Arbeit und derjenigen die ebenfalls sinnvoll ist aber nicht direkt mit dem Job zu tun hat.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das sinnlose Rumsitzen am Arbeitsplatz vom Arbeitgeber durch sinnvolle Kalkulation der zu besetzenden Stelle vermieden werden kann. Kommt es dennoch nicht zur Auslastung des Arbeitnehmers, sollte dieser seine Situation an seinen Chef adressieren.

Paulsen ist davon überzeugt, dass „empty labor“ dadurch entsteht, dass andere, meistens die Vorgesetzten, entscheiden und berechnen, wie lange der Arbeitnehmer für eine Tätigkeit braucht. Paulsen ruft zu einer Art zivilen Ungehorsam am Arbeitsplatz auf, bevor es zu einem Boreout, also dem Gegenteil des Burnouts kommt. Das Problem sei auch, dass man heutzutage immer noch zu oft bei Handwerkern und ähnlichen Berufen von wirklicher Arbeit spricht. Archivar und Werbetexter sind zwar auch Berufe, doch was machen sie im Beruf? Sie lesen und schreiben. Und was machen sie zwischendurch um sich abzulenken? Bei Facebook Lesen und Schreiben.

Ronald Paulsen – Empty Labor (erschienen bei Cambridge University Press)


Foto: Steve Rückwardt – steve-r.de (CC BY-NC-SA 4.0)


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geschrieben von Judyta Smykowski
Ich bin freie Journalistin und mache gerade meinen Master in Kulturjournalismus. Neben lex-blog.de schreibe ich auch noch für andere Medien. Ich wohne und arbeite in Berlin. XING-Profil | Twitter

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